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Tilman Thiemig: 'Seit gestern Vormittag wird der 87-Jährige

 
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Willi der Wirt
Literat


Anmeldedatum: 27.04.2004
Beiträge: 2414

BeitragVerfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:16 pm    Titel: Tilman Thiemig: 'Seit gestern Vormittag wird der 87-Jährige Antworten mit Zitat

'Seit gestern Vormittag wird der 87-Jährige ...'
Für Günter Hutsch.


Walter Glindemann ist schon ein wenig gerührt, als er auf NDR1 hört, dass er vermisst wird. Nur was dann kommt, verstimmt ihn. Gut, das mit dem 'deutlichen Übergewicht' will er gar nicht leugnen. Aber 'demenzkrank', 'orientierungslos' und 'verwirrter Eindruck' - die werden sich noch wundern!

Ärgerlich gibt er Gas. Doch bloß nicht zu schnell. Nur keinen Fehler machen, nicht erwischen lassen! Und so lässt er den alten VW 'succe piano' an der Polizeikontrolle vorbeischnurren. Ach, wie hat er den Klang des Käfermotors vermisst! Wie schön, dass es noch immer Menschen gibt, die auf die bewährte 'Läuft und läuft und läuft'-Qualität setzen. Obwohl er ja ein wenig suchen musste, bis er ihn gefunden hatte.

Erst in der Wilhelm-Bode-Straße war er fündig geworden. Sogar ein Cabrio! Allerdings in grellem Orange. Überhaupt nicht seine Farbe! Doch einem geschenkten Gaul ... Und ruckzuck war er drin und auf und davon. Wie in alten Zeiten. Ja, gelernt ist gelernt. 'Der Walter knackt dir 'nen Käfer schneller, als du 'nen Pils aufmachst!' hatte sein großer Bruder Fritz immer getönt, wenn sie mit den Jungs zusammensaßen. Und er hatte es Ihnen bewiesen. Mehr als einmal. Vor allem aber an jenem Tag, damals im Winter '69, an dem es wirklich darauf ankam. An dem Tag, als sie ihr großes Ding drehten.

Angefangen hatte es mit der BILD. 'Sind die Renten sicher?' stand da riesengroß auf der ersten Seite. Und obwohl der Kanzler und irgendwelche Experten Stein und Bein schworen, dass man sich überhaupt keine Sorgen machen muss, waren sich Fritz und er sicher: die lügen wie gedruckt! Hugo und Hermann waren der gleichen Meinung. So beschlossen sie schließlich nach der fünften oder sechsten Runde, sich selbst darum zu kümmern, dass sie als Rentner über die Runden kommen würden.

Hermann hatte dann die Idee mit dem 'Blaugelb' in Stöckheim, dem ersten richtig großen Supermarkt der Stadt. Wie in Amerika. Konnte man alles kaufen, von der Leberwurst bis zum Ledersofa. Und klar, dass da am letzten langen Samstag vor Weihnachten so richtig die Post abging.

Eigentlich war das ja 'ne Nummer zu groß für ihn. Hatte bis dahin immer nur 'in Autos' gemacht. Doch der Plan, die Beute so lange nicht anzurühren, bis sie alle 65 waren, beruhigte ihn. Das war todsicher. Und er konnte schon immer gut warten.

Dann lief ja auch alles wie am Schnürchen. Hugo übernahm die Männer aus dem Geldtransporter, er war schließlich nicht umsonst in der Legion gewesen. Hermann und Fritz hielten die letzten Einkäufer mit den guten alten Wehrmachtshandgranaten in Schach und er fuhr das Fluchtauto.

Wobei, eigentlich waren es ja vier gewesen. Seine Idee! So wechselten sie ruckzuck



noch in Stöckheim den Wagen, dann in Leiferde, schließlich in Rüningen. Und zuckelten 'succe piano' in Käfer Numero vier mittenmang in den Weihnachtsrummel in der Innenstadt. Ein Käfer unter Abertausenden.

Dann noch mal zu Fuß über die Gurke und bei Rosi in der 'Bratröhre' ein, zwei Alibipils. Und am Abend dann die Beute versteckt, im Schilf, bei den Teichen, nur ein paar hundert Meter hinterm alten Bahnhof von Schapen. Der Vorschlag kam von Hermann, der war da aufgewachsen. 'Das ist Naturschutzgebiet,' hatte er gesagt 'da bauen die in hundert Jahren nicht.'

Er sollte Recht behalten, die Leute bauten in den nächsten Jahren wie wild die Stadt zu, doch die Gegend um die Teiche blieb verschont.

Genau wie sie. Obwohl die Kripo bei ihren Ermittlungen natürlich auch bei den Eierdieben und Kleinfischen der Stadt nachforschten. Er hatte schon ein mulmiges Gefühl gehabt, als plötzlich zwei Zivile bei ihm in der Bastelbude standen und sich sehr für seine Käfer interessierten. Und um ein Haar hätte er sich verraten, als er auf ihre Fragen geantwortet hatte: 'Meinen Sie, ich würde hier rumschrauben, wenn ich ...'. Grad noch so hatte er '... so ein großes Ding gedreht hätte. Dann würde ich Benz fahren. Oder 'nen Amischlitten. Und garantiert nicht im Zonenrandgebiet!' rausbekommen. Denn von der genauen Höhe der Beute hatte nichts in der Zeitung gestanden. Und auch die Buschtrommeln der Stand schwankten. Am Tresen waren es im 'Roseneck' noch 200.000, in der 'Kupferkanne' mehr als 20 Millionen.

Bei den Jungs waren sie auch gewesen. Hatten aber alle dichtgehalten. Und als einer der Typen ein paar Tage später noch mal bei ihm reingeschaut hatte, wollte er sich nur diskret und überhaupt nicht dienstlich erkundigen, ob er ihm nicht so 'nen richtig alten Käfer besorgen könnte, so einen mit Brezelfenster, Blumenvase und Winker am Mittelholm. Und ob! Der ist da noch jahrelang mit rumgefahren.

So ging die Zeit ins Land, mächtig viel Zeit. Doch am 9. November '89 war es schließlich so weit. Hugo ging als letzter von ihnen in Rente. Zunächst wollten sie in 'Schäfersruh' drauf anstoßen und später zu den Dämmen im Bruch, die noch von Göring stammten. Der mochte die Gegend wegen der vielen Enten. Und ein Mal hat er sogar Mussolini zur Jagd eingeladen. War das ein Auftrieb damals ...

Er war wie immer als erster an der Theke, saß mit Ebeth schon beim dritten Pils, da klingelte das Telefon. Die Polizei. Die Jungs hatte es in der scharfen Kurve kurz hinter Volkmarode erwischt: Glatteis, BMW mit Sommerreifen. Hugo Genickbruch, durch die Scheibe, hat ja nie was auf den Gurt gegeben. Hermann war angeschnallt gewesen, dafür dann im Wagen verbrannt. Warum Hugo wohl ein Foto von Ebeth mit ihrer Telefonnummer in der Brieftasche gehabt hatte?

Bei der Beerdigung vier Tage später meinte Fritz, da saß er ja schon im Rollstuhl, Zucker, der erste Fuß ab, dass an der Kohle das Pech kleben würde.


Erst die Geschichte mit Inge, die vier Jahre nach dem großen Ding vor die Straßenbahn lief, dann seine Krankheit und nun die Sache mit den Jungs. Das stimmte schon.

Und auch wenn nicht, seinen Bruder hätte er nie bescheißen können. 'Unsere Ehre heißt Treue', das war selbst nach der alten Zeit sein Wahlspruch geblieben. Hatte er immer dran geglaubt, obwohl er wusste, wie sie mit solchem Krams beschissen worden waren, damals. Das hat er bis zuletzt ernst genommen. So beschloss er, die Munkiste bei den Erlen ruhen zu lassen, die immer größer wurden.

Ein, zwei Jahre hat er dann noch 'in Autos' gemacht, wurde aber immer schwieriger nach der Grenzöffnung. Ist trotzdem nicht erwischt worden. Ja, das war sein Glück - so viele krumme Dinger, doch nie im Bau. Dafür dann beinahe 20 Jahre Altenheim in der Nussbergstraße ... Allerdings - nicht lebenslänglich!

Eigentlich hatte er die Sache ja dann wirklich irgendwann vergessen, mitten zwischen den alten Menschen. Doch gestern Morgen kam dann Schwester Marion zu ihm und erklärte ihm in ihrem 'Verstehst du das auch wirklich, du alter Idiot'-Ton, dass Fritz in der Nacht verstorben sei. Der arme Kerl, zuletzt ganz ohne Beine ...

Da wusste er plötzlich wieder, dass er einmal einen Traum gehabt hatte: 'Cote d´Azur, Costa Brava, Rimini - Hauptsache Spanien!', wie er immer gesagt hat. Und nun fährt er ihm entgegen! 'Succe piano'. Mit einem Käfer voller Kohle - über eine Million Deutsche Mark. In kleinen Scheinen ...

© Tilman Thiemig
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Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:16 pm    Titel: Ähnliche Themen



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