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Autor: Willi der Wirt Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:18 pm Titel: Johannes Reichhart: Übers Wetter
Übers Wetter

Wer nichts zu sagen weiß, redet übers Wetter. Da geht der Gesprächsstoff nicht aus, die Zeit verrinnt und keiner der Teilnehmer ist gefordert. Es sind keine Bekenntnisse nötig, keine intellektuellen Höhenflüge, nichts ist richtig oder falsch, alles beliebig. Das Wetter ist das ideale Thema für small talk und Geschwätz. Zudem bietet es den Vorteil, dass nicht über Abwesende hergezogen werden muss und Anwesende nicht persönlich Stellung nehmen müssen. Das Thema Wetter erlaubt mir, Triviales und Banales zu äussern, ohne mich zu blamieren. Und es ist immer aktuell. Zu jeder Tageszeit, zu jeder Jahreszeit. Es gibt immer ein Wetter und selbst die langweiligste Tiefdruckrinne, die eintönigste Nebelbank und die ermüdendste Hitzewelle taugen jederzeit, das Schweigen zwischen Leuten zu füllen.

Das Wetter bedient jede Stimmungslage, jede Gemütsverfassung. Der Pessimist weiß, dass es noch nie so schlecht war wie jetzt und dass alles natürlich immer schlimmer wird. So auch das Wetter. Der Optimist hofft, dass es besser wird und meint, dass das Wetter früher auch nicht grad das Wahre gewesen sei. Schon die Großmutter habe übers Wetter geschimpft. Und erst die Eiszeit! Also da könnten wir uns doch wirklich nicht beklagen! Der Depressive sieht überall nur Bedrückendes an der Wetterlage. Gleich ob schwül, klirrend kalt, stürmisch oder windstill, heiter oder duster, alles legt sich ihm aufs Gemüt. Andere Naturen scheinen unbeeindruckt vom Wetter. Sie laufen prinzipiell ohne Schirm, barhaupt, unbehandschuht und manche grundsätzlich ohne Socken oder aber immer mit Mütze, Schal und Pullover. Gleich ob Hitze oder Kälte, Wintersturm oder Maienluft, Regenguss oder Schneegestöber.

Ein grosser Teil der Zeitgenossen ist allwetterfühlig. Für sie gibt es nur schlechtes Wetter. Dieser Terminus hat sich zu globaler Bedeutung gemausert. Schlechtes Wetter ist überall. Besonders aber dort, wo wir sind. Und immer gerade jetzt. Das schlechte Wetter vom letzten Jahr ist vergessen. Aber das Wetter hier und heute, das ist schlecht. So schlecht, dass wir meinen, so arg sei es noch nie gewesen. Was wir am nächsten Tag widerrufen, denn da ist es dann noch äger. Das schlechte Wetter heute ist immer schlechter als gestern! Das ist ein Naturgesetz. Beinah.

Ein besonderes Phänomen sind die Wettervorhersagen. Erstens, weil sie fast immer schlechtes Wetter ankündigen und zweitens, weil sie nur dann stimmen. Gute Prognosen sind dagegen in der Regel falsch. Was aber ist gutes, was ist schlechtes Wetter? Dieses philosophische Problem ist genauso wenig zu entscheiden wie das der Willensfreiheit oder das der Existenz Gottes. Sicher ist nur soviel: Das Wetter ist überwiegend schlecht. Und ist es ausnahmsweise einmal nicht so übel, wie erwartet, dann ist man krank. Zudem ist gutes Wetter immer nur individuell vorhanden, schlechtes jedoch kollektiv. Man kann sagen: Das gute Wetter des Einzelnen ist das schlechte Wetter der Masse. Schlechtes Wetter ist eine Mehrheitsveranstaltung, gutes Wetter stets Einzelfall. Damit ist schlechtes Wetter ein urdemokratisches Ereignis, immer mehrheitsfähig und dennoch unbeliebt wie nur noch Mundgeruch und Verwandtenbesuch.

Gutes Wetter ist schönes Wetter und schönes Wetter ist Synonym für Sonnenschein und Hitze. So jedenfalls die allgemein herrschende Doktrin. Das schöne Wetter besitzt nur leider die paradoxe Eigenschaft, dass, wenn es eintritt, es nicht mehr als solches erlebt wird. Es mutiert im Nu zu Schlechtwetter. Herrscht Schönwetter klagen die Leute über Hitze, Trockenheit, über die stechende Sonne; über drohende Gewitter, den Staub in der Luft oder allgemeine Schlaffheit. Schönwetter, das eintritt, wird zu Schlechtwetter. Wetterpsychologen behaupten, dass es gar kein schönes Wetter gäbe, sondern dieses eine Projektion unerfüllter Lustfantasien sei. Schlechtes Wetter als Tatsache, schönes Wetter als Utopie? Als ewige Utopie?

Soviel ist sicher: Die Wahrscheinlichkeit, gutes Wetter zu erleben, mit Haut und Haar zu spüren und zu genießen, ist gering. Ungefähr so hoch wie der Gewinn eines Lottosechsers mit Jackpot. Der Ausspruch 'es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung', ist zu variieren in 'es gibt keine unpassende Kleidung, nur schlechtes Wetter'. Jedenfalls leben einige Leute gut vom Wetter. Von Schneidern, Schustern, Wollproduzenten bis hin zu Meteorologen und Psychologen profitieren unzählige Berufe vom Wetter. Die halbe pharmazeutische Industrie dreht Pillen und destilliert Säfte gegen die Folgen des Wetters. Am Wetter hängt's, zum Wetter drängt's, lässt schon Goethe seinen Faust - oder war es Werther? - philosohieren. Am Anfang war das Wetter, steht in der Bibel und die Sintflut ist die Metapher fürs Wetter schlechthin. Die Weltgeschichte ist eine des Wetters, von der Flucht aus Ägypten bis hin zu Napoleons Russlandfeldzug. Vom Urknall bis zum heutigen Tag. Immer war ein Wetter. Immer ist ein Wetter. Immer wird eins sein. Aber nie ein g'scheits!


© Johannes Reichhart


Autor: Nadjala Verfasst am: Do Okt 16, 2008 7:33 am Titel:
Hallo Johannes,
was man noch erwähnen könnte: die internationalen Wetterkommentationsmeisterschaften. Wir Deutschen belegen in der Kategorie "Klagen" einen forderen Listenplatz, den Gesamtpott aller Sparten gewinnen aber regelmäßig die Briten. Und wenn man einander aus Fremdsprachengründen nicht versteht, reicht der leidende Blick zum Himmel. In sofern ist die Wetterthematik interkulturell und sprachunabhängig. Twisted Evil Und dann wäre da noch folgendes Problem: Wetter besitzt eine eigene Intuition: Es weiß, wann es umschlagen muss, um uns Menschen zu ärgern! :wasch


Autor: Forenking Verfasst am: Do Okt 16, 2008 7:33 am Titel: Ähnliche Themen





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