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Autor: Willi der Wirt Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:22 pm Titel: Nadjala: Das Wiedersehen
Das Wiedersehen

Ich frage mich. Ich frage mich ja wirklich. Wann geht das eigentlich los
mit dem Alkoholismus? Ich habe heute Morgen den Schuckel gesehen, und der
war unten. GANZ unten. Wer hoch fliegt, kann tief fallen, sagte schon mein
Muttchen immer. Und der Schuckel ist tief gefallen. So tief, da braucht er
schon eine Taucherglocke. In der Schule war er ja immer der Vorlaute.
Schnabel auf und reinbrüllen. Wenn man Glück hatte, fuchtelte er beim
Melden auch nur mal wild mit den Armen. Und er hatte im Mündlichen immer
seine eins. Hatte er auch nötig, bei DEN schriftlichen Arbeiten. Und es
ging immer auf unsere Kosten. War irgendwie klar, dass der Kommentator
werden würde. Da hatten die vom Radio eine goldene Nase, da hatten sie
sich den Richtigen ins Boot geholt. Und siehe! Er bewies, dass Punkte und
Kommata nur zum Auslassen da waren. Wo andere Spitzhacke und Trittnägel
für den Anstieg des Karrierebergs brauchen, joggte er waagerecht in
Plateauschuhen hoch (er hat auch so nie die körperlichen ein Meter
siebzig geknackt). Wie das so ist, vor fünf Jahren hatte er seinen
eigenen Fanclub, der Schuckel, und ich erinnere mich noch, als er mal
Bayern gegen Pauli kommentierte, da rockte die LKW-Kolonne auf der
Autobahn. Und ich auf dem Weg zum Kunden mit meinem kleinen Dienstwagen
mitten dazwischen, besten Dank. Seine Plateauabsätze hatte sich der
Schuckel da schon vergolden lassen. Außer auf der sendereigenen Homepage
mit aufgemotzem Bild hatte ich ihn zu dem Zeitpunkt schon fünfeinhalb
Jahre nicht mehr gesehen und ein Zusammentreffen auch nicht vermisst. Hat
was für sich, dass wir Provinziellen nicht avantgardistisch genug zum
Vorzeigen sind. Wir haben es nicht ständig mit Leuten zu tun, denen der
Regen in die Nasenlöcher läuft. Na, jedenfalls und plötzlich... der
Schuckel verschwand. Sang- und klanglos. Nein, nein, nicht etwa wie bei
anderen Größen der entsprechend große Knall, und alle Gazetten
erzählen dir Details, die du selbst noch nicht wusstest. Der Schuckel war
von jetzt auf gleich weg vom Fenster; sein Fanclub muss eigentlich mit dem
Gedanken an eine Vermisstenanzeige gespielt haben. Später rumorte es hier
und da, der Schuckel habe seinen Führerschein verloren. Der Schuckel habe
die Frau des Intendanten... und sei rausgeflogen... und seither... Der
Schuckel habe im CLUB18 ein Champuswettsaufen gewonnen. Der Schuckel sei
rülpsend und haarzottelnd am Viktualienmarkt von der Polizei...
blablabla. Provinzielle wie ich sind gerne des Putziblank mit
Zitronenduft, das den gesellschaftlichen Schmutz löst und weiterspült,
sagte mein Muttchen schon immer. Heute Morgen sah ich dann den Schuckel
bei uns, zurück in der Heimat, ich erwähnte es bereits. Blau geäderte
Wangen und Nase, rote Augen und Nase (die Nase also de facto zweifarbig),
große Poren. Alle Achtung. Der Schrankmüller Poldi hat fünfzehn Jahre
länger gebraucht, um seinen Körper derart zu schrotten. Hätte er mich
nicht mit wässrigem Blick angeschaut, ich hätte ihn nicht erkannt in der
Putzkolonne, welche die Rinnsteine säuberte. Ich kann mich auch nicht
erinnern, ihn je in orangefarbener Kleidung gesehen zu haben. Tja, das
Orange gestern biss sich mit der Färbung des Gesichts. Da stand er, der
Schuckel, sah mich an – und erkannte MICH wiederum nicht. Und dann
drehte er sich um, ging zum nächsten Baum, machte den Hosenlatz auf und
erleichterte sich, während seine Kolonne gleichgültig auf der Straße
fünfzehn Meter nordwärts zum Blätterfegen rückte. Da flüsterte mir
die kleine Gottfrieder Lissi, die gerade vorbeikam, von der Seite zu:
„Er hat bei Papa gestern drei Tetrapacks Tafelwein gekauft. Hab ich
gesehen. Die muss er jetzt wieder wegbringen, auf seine Art.“ Arme Sau.
Und er hatte jetzt auch keine Plateauabsätze mehr an. Die Gottfrieder
Lissi blickte mich noch einmal lange an und sagte ein paar Dinge ohne
Worte. Man kennt sich ja bei uns. Jetzt sitze ich hier zu Hause am
Schreibtisch. Wann wohl der Alkoholismus bei ihm anfing, beim Schuckel?
Das muss ja doch schon länger gehen, so fertig, wie er ist. Womöglich
schon zu Zeiten, als er hier seinen Abschluss machte, und keiner hatte
etwas davon gemerkt? Hatte er sich beim Sender noch so weit im Griff, dass
er es eine Weile mit Schickimicki-Gelagen abtun konnte? Wer weiß. Ich
blicke auf Rositas Bild. Die Erde müsste mal wieder geharkt werden, und
jetzt zum Herbst wären Astern nicht schlecht. Hoffentlich hat die Gang um
den Rollinger Toni nicht wieder Steine umgekippt. Ich greife ins unterste
Schubfach des Schreibtisches und hole die halbvolle Flasche mit dem
Magenbitter hervor, blicke versonnen darauf. Ich glaube..., nein, ich
weiß. Ich muss etwas tun.



© Nadjala


Autor: Forenking Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:22 pm Titel: Ähnliche Themen





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