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Autor: Willi der Wirt Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:29 pm Titel: Wilhelm Homann: Wer sagt da: Keine Eisenbahn?
meinen kleinen Reisenotizen hat so mancher etwas vermisst.
Die Eisenbahn.
Nur:

... Wer sagt da: Keine Eisenbahn?

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Schon 1925 wurde eine Ringstrecke geplant, die die Ortschaften Hell’s Gate, The Bottom und Windwardside verbinden sollte. Eine Verbindung zu Well’s Bay, der damals einzigen Stelle, an der kleinere Boote anlegen konnten, wurde schnell verworfen. Allerdings baten sich die Planer die Option aus, später die geplante Ringstrecke und Well’s Bay mit einer Zahnradbahn anzubinden.

Tunnelbauer aus der Schweiz unter Leitung des berühmten Ingenieurs Emil Rikola wurden mit der Durchführung beauftragt. Die gewünschte Ringstrecke erwies sich als nicht finanzierbar. Abgesehen davon hätte sie auch keinen Sinn gemacht. So wurde die ursprüngliche Planungsidee reduziert auf eine eingleisige Schmalspurstrecke, die die Orte Hell's Gate, Windwardside und The Bottom miteinander verbinden sollte. Von dem Bau einer kleinen Nebenstrecke nach St.John's wurde abgesehen, weil die Einwohner von St. Johns ihre Ruhe haben wollten. Zitiert werden kann hier Pieter Düwelsand: "So ein neumodischer Schnickschnack kommt nicht hierher!"

Der tollkühne erste Entwurf von Chefingenieur Rikola, The Bottom und Hell’s Gate mit einem einzigen Tunnel zu verbinden, der in gerader Linie durch den Mount Scenery begraben werden sollte, wurde vom örtlichen Planungsstab entsetzt abgewiesen. Man könne doch nicht in The Bottom in den Zug steigen und erst in Hell’s Gate wieder das Tageslicht erblicken! Oder umgekehrt.

Der zweite Entwurf wurde dann einstimmig angenommen, das heißt, es gab noch einige Diskussionen wegen der einzuplanenden Haltestellen, aber nachdem auch beim Gasthaus Swinging Door in The Bottom zumindest eine Anforderungshaltestelle eingeplant wurde, konnte grünes Licht gegeben werden.

In nur fünf Jahren wurde dieses Meisterwerk moderner Technik fertig gestellt. Am 31. Dezember des Jahres 1930 wurde die erste Lokomotive angelandet. D.h., sie wurde vor der Küste von einem Frachter quer auf zwei Boote geladen und mit den Wellen an Land gespült. So machte man das seinerzeit dort. In einem Stück konnte man dieses tonnenschwere Gefährt natürlich nicht über die in den Fels geschlagenen Stufen hoch transportieren. So wurde sie unten zerlegt und in Einzelteilen nach The Bottom verbracht. Bis zum 26. März 1931 gelang es dann tatsächlich, sie wieder funktionstüchtig zusammenzubauen. Bis auf ein kleines Zahnrad und einen mittelgroßen Metallbolzen, die aber anscheinend für den Betrieb der Lokomotive nicht notwendig waren.

Die feierliche Einweihung fand am 1.4.1931 statt. Angehörige des niederländischen Königshauses nahmen an der Feier teil. Bis zum Jahr 1947 war diese Eisenbahn erfolgreich in Betrieb. Die Eisenbahn wurde später als die "Inseltunnelbahn, die eigentlich nie gebaut werden konnte" unter Eisenbahnfreunden bekannt.

1947 kam es dann zur Katastrophe. Hieb- und stichfest bewiesen werden konnte es nicht, aber die sich verdichtenden Gerüchte (und die Nachforschungen des Einheimischen Jim Button, s.u.) haben eindeutig ergeben, dass fünf zwielichtige Gestalten die Geschichte der SRC auf kriminelle Art und Weise beendet haben.

Es hat sich herausgestellt: Agenten der amerikanischen Autoindustrie (eben diese fünf zwielichtigen Gestalten) stahlen die dreiachsige Dampflok aus dem Lokomotivschuppen in Hell’s Gate, brachen einige Gleise auf und ließen das Dampfross die Felsen hinabstürzen. In der Nähe der Tauchstelle Hot Springs sind korallenbewachsenen Überreste der Maschine in einer Tiefe von 31 Metern zu finden. Die kleinere zweiachsige Reservelokomotive, die tapfer einige Tage einen Notfahrplan bediente, fiel erstaunlicherweise immer wieder wegen technischer Mängel aus.

In der Nacht vom 20. auf den 21. März 1947, einer stürmischen und recht nebligen Nacht, wurde die Geschichte der SRC dann jäh beendet: Am frühen Morgen des 21. März stellten die Inselbewohner überrascht fest, dass

a) ein Großteil der Gleise der Hauptstrecke über Nacht verschwunden waren und

b) drei der wichtigsten Tunnel aufgrund von Gewaltanwendung eingestürzt und nicht mehr befahrbar waren. Man hatte den durch die Sabotagesprengungen verursachten Lärm einem Feuerwerk auf der Nachbarinsel St. Eustasius zugeschrieben.

Und die Katastrophe wurde perfekt als man erfuhr, dass der einheimische Lokomotivführer und sein Heizer nicht mehr auffindbar waren. Unbestätigten Gerüchten zufolge hatten beide eine wohldotierte Stellung in Detroit angetreten.

Im Laufe der Jahre verschwanden alle Gleise (der Altmetallhandel blühte zu der Zeit auf), die restlichen Tunnel stürzten ohne Wartung nach und nach ein - nur in Hell’s Gate gibt es noch ein kleines verfallenes Häuschen (den ehemaligen Lokschuppen), an dem Eisenbahnfreunde eine Gedenktafel angebracht haben.

Nach dem Zusammenbruch des Eisenbahnverkehrs 1947 wurde das erste Auto auf die Insel gebracht. Die sich ansiedelnden Vertreter der amerikanischen Autoindustrie rieben sich die Hände.

Literatur:
Button, Jim: Die kriminellen Machenschaften der amerikanischen Autoindustrie auf Saba im Jahr 1947 und der kurze Aufschwung des Altmetallhandels in der Karibik, Havanna: Fidel 1954 (übersetzt von F. Waas)
Hassell, Josef: The tunnel effect. Influence of the SRC to the mental health of the inhabitants of Hell’s Gate, The Bottom: Momo 1939
Johnson, Donna: From Hells Gate to The Bottom. A realistic description of the railroadtunnels of Saba, The Bottom: Momo 1940
Lamberti, Hasso: The Saban Railroad – Impossible to build – but built, St. Maarten: Lagoon 1939
Rikola, Emil: Die Durchtunnelung der Vulkaninsel Saba- Ein gelöstes Problem, Bern: Rösti-Verlag 1931





Hier ein Foto der Dampflok, die einige Jahre treu und tapfer für die SRC ihren Dienst tat.





Ihr trauriges Ende in über 30 Meter karibischer Wassertiefe.





Die tapferen und aufopferungsvollen Arbeiter beim Bau des Anforderungshaltepunktes Swinging Door.




Nach dem erfolgreichen Sabotageakt wurde das erste Auto angelandet. Direkt neben dem Boot zwei der zwielichten Gestalten.




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Button, Jim: Die kriminellen Machenschaften der amerikanischen Autoindustrie auf Saba im Jahr 1947 und der kurze Aufschwung des Altmetallhandels in der Karibik, Havanna: Fidel 1954 (übersetzt von F. Waas)

Ausschnitte:


…. dem Beiboot eines Bananendampfers, der weit draußen in der ruhigen See dümpelte, waren sie auf die Insel gekommen. Fünf Männer. Fünf Amerikaner. Jeder von ihnen war mit einem schweren Rucksack beladen. Eine große Holzkiste wurde vom Boot auf den Fels gezogen. Die Männer verabschiedeten sich von den Matrosen, die wieder zurück zum Dampfer ruderten…..

….. trafen sich jeden Abend in Swinging Door. Zum Bier bestellten sie die legendären Rippchen. Zu vorgerückter Stunde wurden sie leiser, saßen mit nahe zusammengerückten Köpfen beieinander und schwiegen, wenn jemand ihrem Tisch zu nahe kam …

…. aus den Vereinigten Staaten. Aus Detroit seien sie extra hergekommen, weil sie von den verborgenen Schätzen der Ureinwohner gehört hätten. Von den Indianern, die früher in ausgehöhlten Baumstämmen von Südamerika herübergekommen waren. Die Gold mitgebracht hätten. Die das Gold auf der Insel vergraben hätten. Und das würden sie suchen …

….. von Windwardside schüttelten die Köpfe und tippten sich an die Stirn. Gold. Und das auch noch von den Indianern. Die spinnen, die Amerikaner, war einhellige Meinung. Aber sie zahlten gut, die Amerikaner. Und so ließ man sie gewähren. Immer wieder zogen sie mit ihren Gerätschaften, die sie in der Holzkiste an Land gebracht hatten, los. Schaufeln, Äxte, Spitzhaken. Um nach dem Gold zu suchen. Na ja, Andries Hoekstra, der Inhaber von Swinging Door grinste in sich hinein. Wenn diese Amerikaner Gold finden würden, was hätten sie davon? Sie würden mit dem Gold die Insel nicht verlassen. Das hatte er und seine Freunde beschlossen. Gold von der Insel gehört den Leuten von der Insel. Mit dem Gold würden sie die Insel nicht verlassen können. Unbemerkt konnte niemand die 400 Stufen zur Anlegebucht herabsteigen. Da hatten sie vorgesorgt …..

…. und fassungslos standen Andries Hoekstra und seine Freunde oben auf dem Berg hinter ihnen war die Gleise der Eisenbahnstrecke herausgerissen und verbogen worden. Die Lokomotive war aus ihrem Schuppen in Hell’s Gate in der Nacht entführt und bis an diese Stelle gefahren worden. An diese Stelle, die die einzige war, von der die Lokomotive bei gelockerten Gleisen bis in die Tiefen des karibischen Meeres stürzen musste. Andries sah einige Metallteile auf dem Weg in die Tiefe auf dem abgeschlagenen Fels liegen. Hier gab es nichts mehr zu deuten und zu hoffen. Hier war der Stolz der Sabanischen Eisenbahn in die Tiefe gestürzt. Für immer und ewig….

…. spät, zu spät war Andries Hoekstra und seinen Freunden aufgegangen, dass es diesen Amerikanern gar nicht um das Indianergold gegangen war. Diese hinterhältigen Gesellen hatten sich an die Tunnel der Eisenbahn herangemacht, unbemerkt Löcher in den Fels gehauen und Sprengstoff dort versteckt. Und viele Gleise der Strecke gelockert….

….. und es bleibt weiterhin ein Rätsel, wie in nur einer Nacht so viele Schienen einfach so verschwinden konnten. Die fünf geheimnisvollen Amerikaner waren ja schon am Tag nach dem Absturz der großen Lokomotive verschwunden. Niemand hatte mehr auf sie geachtet. Auch Andries Hoekstra nicht, dem das Gold auf einmal egal war, war doch der Stolz der Sabanischen Eisenbahn für immer in den Fluten versunken. Marieke, die dreiachsige Dampflokomotive, die sie alle so lieb gewonnen hatten. Und spontan benannte man die Stelle, an der Marieke ihr Ende fand „Mariekes Grab“. Wenn heutzutage Taucher mit den Booten rausfahren, um an dieser Stelle zu tauchen, die auf offiziellen Karten unpoetisch nur Hot Springs genannt wird, werden die alten Einwohner der Insel heute noch traurig und flüstern oft vor sich hin: „Ach ja, Marieke…..“

….. den Einwohnern der Insel klar, dass diese finsteren Herren aus Amerika an diesem Sabotageakt beteiligt waren. Aber wie konnten Wochen nach deren Verschwunden in nur einer Nacht, der Nacht vom 20. auf den 21. März 1947, so viele Gleise verschwinden und drei Tunnel durch Sprengstoff zerstört werden? Piet van den Dahle äußerte als erster den unglaublichen Verdacht: Diese amerikanischen Verbrecher mussten Helfershelfer auf der Insel haben! Aber das wollte niemand glauben. Denn das konnte nicht sein. Aber als dann der Lokomotivführer und sein Heizer ebenfalls spurlos von der Insel verschwanden, und nachdem Jahre später Rob de Waal nach einer Reise durch Amerika mit der Nachricht zurückkam, er habe in Detroit den ehemaligen Lokomotivführer und seinen Heizer gut gekleidet in einem brandneuen amerikanischer Luxusautomobil gesehen, da wurde das, was nicht sein konnte, zur Gewissheit ……


© Wilhelm Homann


Autor: Forenking Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:29 pm Titel: Ähnliche Themen





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