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Autor: Willi der Wirt Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:29 pm Titel: Wilhelm Homann: Remis valisque
The Road

Die Insel ist holländisch. Niederländisch ist die Amtssprache, aber gesprochen wird eigentlich nur englisch. (Größe der Insel 13 qkm).
Bis 1938 gab es keine Straße. Weil die Holländer (Flachländer?) sagten, da kann keine Straße gebaut werden. Und - wenn man das Eiland sieht - eigentlich konnte auch keine Straße gebaut werden.

Kein Strand, und stundenlanger Aufstieg von der damaligen einzigen "Anlegestelle" - zu Beginn über in Fels gehauene Stufen, dann über einen Schotterweg mit Eseln und Trägern.

Ich kenne die Alpen und andere Gebirge - das, was ich auf der Insel an Straße gesehen habe, konnte wirklich nicht gebaut werden. Es gibt nahezu keine ebene Fläche auf der Insel (Bis auf einen verkleinerten Fußballplatz, ein Basketballfeld und den Flughafen, der aber künstlich verlängert (auf 390 m) wurde.

Und dann macht sich ein Einheimischer in Amerika über Fernstudien kundig - und baut die Straße. 1938 angefangen, nach 5 Jahren war das erste Stück fertig - von Fort Bay bis nach The Bottom. Der Rest wurde 1951 fertig gestellt. D.h. 1963 wurde die Start-Landebahn gebaut und an die Straße angeknüpft. Die 1300 Einwohner verlieren sich auf der in zwei kleinen Orten, die vom Flughafen und von dem mittlerweile existierenden Minihafen erst nach einer grandiosen Serpentinenfahrt erreicht werden.

Donna, "unsere" Taxifahrerin schaukelte uns immer wieder gern durch die Gegend. Unglaubliche Blicke, das Hochwinden auf der Straße vom Flughafen, der nach jeder Kehre ein wenig kleiner vor der karibikblauen See stand, der höchste Berg Hollands, dessen Spitze immer in irgendeiner Wolke steckt, näher kam, das Erreichen von Windwardside, einem der beiden Hauptorte - kleine weiße Häuser mit roten Dächern und grün umrandeten Fensterläden, enge Gassen.

Unsere Unterkunft heißt El Momo. Eine kleine Ansammlung von 7 einzeln stehenden Cottages (einfachen Holzhäusern). Donna setze uns lachend am Fuß einer Steintreppe ab. El Momo ist nur darüber zu erreichen.

Auf 450 Meter Höhe beginnt der Regenwald auf dieser Insel. Wir schleppen unsere 20 Kilo-Koffer über die unregelmäßigen Treppenstufen hoch. 80 Stufen, dann erscheint ein kleines Schild:
Office. El Momo – Peace, nature and silence.
Wir melden uns bei den freundlichen Gastgebern an und werden dann weitere 60 Stufen hoch geschickt:

In the Sky.

Wir haben das Cottage ganz oben. Angekommen, ein wenig fix und fertig von der Schlepperei, die Koffer in den Raum gestellt, außer Atem, verschwitzt, stehen wir auf der kleinen Terrasse. Rundum Grün, unten zackige Lavafelsen - unten das blaue Meer. Aus dieser Höhe sieht man nur eine leichte Wellenbewegung, man hört das Meer aber nicht. Nur ab und zu ein Vogel, ein Frosch. Und wir sagen erst einmal nichts.

Diesen Blick hatte ich als Bild im Internet mehrmals gesehen. Habe gesagt: Da will ich hin. Das will ich sehen. Ich dachte, den Blick kenne ich ja schon.

Aber: Ich kannte ihn nicht. Minutenlang schwiegen wir. schauten nur. Fühlten, lauschten. Und können - jetzt wieder zuhause - das immer noch nicht so richtig begreifen. Und das ist gut so.

Dann raschelt es unter uns ein Leguan. Ein kleiner Saurier. Friedlich. Pflanzenfressend. Stapfte langsam durch das Gebüsch. Kletterte auf einen Ast. Rutschte ab, fiel ein wenig, hielt sich fest, kletterte wieder. Rutschte wieder ab, fiel ein Stückchen. Und kletterte weiter. Hielt vor einer Blüte an und knabbert genüßlich daran herum.

Am nächsten Tag sahen wir hoch in einem Baum einen Leguan. Ich überlegte, ob ich ein Schild aufstellen sollte:

Vorsicht! Fallende Leguane!


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Die Geräusche

Cottage nannte sich unser Holzhaus. "In the Sky" wurde es genannt. Es lag am Ende der Treppen in das Grün eingebettet am Hang. Auf 450 m Höhe. 877 m hoch ist der höchste Berg, dessen Spitze wir rechts fast immer in eine Wolke gehüllt sehen konnten.

Der Blick nach vorn – eigentlich nicht zu beschreiben. Über Mangobäume hinweg sahen wir tief unten das blaue Meer. Blau? Welches Blau? Ständig wechselte der Farbton. Es war leise das Meer. Still. Nur leichte Dünung war von hier oben zu erkennen, aber kein Meeresrauschen. Von rechts zog sich ein Bergkamm nach unten. Je nach Sonnenlicht eine scharfkantige graue Linie aus den Wolken heraus bis nach unten zum Meer. Auf dem Kamm auf halber Höhe St. John. Eine kleine Ansammlung von Häusern. Weiß, rote Dächer. Manchmal zogen die Wolken vom Berg herab, verhüllten den Bergkamm, verhüllten St. John. Das Meer verdeckten sie nie. Einige Grillen zirpten, Vögel gaben Laut. Und am Abend setzte langsam das Konzert ein. Zuerst ein paar Pfiffe. Dann Antworten, dann ringsherum ein Aufwachen. Das Aufwachen der Baumfrösche. Kleine Frösche, die einfach so pfeifen. Und das die ganze Nacht über. Und die Grillen mittendrin.
Im Internet sind Bewertungen dieser Unterkunft El Momo zu finden. Natur, Ruhe, Frieden. Immer wieder diese Worte - die einfach stimmen. Nur ein Amerikaner beschwerte sich über den Lärm in der Nacht. Er habe nicht schlafen können. Das sei doch kein Zustand: immer dieser Krach!

Ich habe einen leichten Schlaf, wache oft auf, wenn morgens der Zeitungsbote die Zeitungen in den Briefkasten wirft. Ich hatte mir Ohrstöpsel für die Nächte mitgebracht, weil ich ja von dem Krach in den Nächten wusste.

Ich schlief hervorragend. Obwohl es in den Nächten laut war. Richtig laut. Froschgepfeife, Grillenzirpen. Ein Durcheinander, dass immer wieder mal in einen Rhythmus überging. Beginnend am Abend zum Sonnenuntergang, langsam ausklingend morgens, wenn die Sonne das erste Blau in das Meer schickte. Da saß ich schon oft auf der Terrasse. Schaute nur. Lauschte nur. Ausgeschlafen.

Und zum Schluss nur noch ab und zu ein pfeifendes Fröschlein, dass in die Verlängerung ging.

Gesehen haben wir so einen Krachmacher einmal. Bei einer Wanderung durch den Regenwald auf dieser Insel. Ein bis zwei Zentimeter groß.

Einige Tage später auf der Insel unter den Winden im Wald vor der Küste ein anderes Geräusch. Die Grillen spielten D-Zug. Im Wald beim Picknick schauten immer wieder alle auf. Praktizierter Dopplereffekt. In den Bäumen müssten Millionen von Grillen sitzen. Minutenlang immer nur ab und zu ein Zirpen. Und dann fing irgendwann einer links an und innerhalb von Bruchteilen von Sekunden stimmten alle ein. Wie ein vorbeirauschender Zug flog das enorm laute Gruppenzirpen an uns vorbei. Und verschwand. Bis auf die eine oder andere Grille, die die Abfahrt verpasst hatte.

Wochen später zuhause sitze ich abends nach Sonnenuntergang im Garten. Fast noch Vollmond. Zwei Fledermäuse drehen ihre schnellen Kreise. Ab und zu eine Vogelstimme. Von der Straße durch den Ort selten das leise Rauschen eines vorbeifahrenden Autos. Ruhe.

Ich schließe die Augen. Und da zieht der Grillen-D-Zug der Insel unter den Winden vorbei und die Baumfrösche starten ihr Konzert in den Mangobäumen.



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Die Ferne

Fast 8000 km liegen zwischen meiner Heimat und dieser Insel. Viele Kilometer sind wir über den Atlantik geflogen. Weit unter uns das Wasser. Die Anzeige im Flugzeug wechselnd zischen der Angabe in Fuß und Metern. 11000 Meter über dem Wasser. Außentemperaturen von minus 50 Grad. Die Entfernung zum Ziel wird angegeben. Abnehmend. Die Lokalzeit und die Zeit am Ankunftsort unterscheiden sich noch. Zu Beginn um 6 Stunden. Abnehmend. Mittags sind wir in Amsterdam abgeflogen, um 17 Uhr Ortszeit sollen wir landen. Noch nicht auf der Insel. Wie sollte diese große Maschine auch auf der 380m-Piste landen können. Wir spüren, dass das Flugzeug in den Sinkflug übergeht. Die Flugbegleiter sammeln die zu Beginn des Fluges ausgegebenen Kopfhörer ein. Das Anschnallsignal ertönt und leuchtet auf. Durch das sehen wir eine Insel. Nicht Saba. Die Insel, auf der wir zuerst landen müssen, um am nächsten Tag mit einer kleinen Propellermaschine in 15 Minuten nach Saba zu hüpfen, heißt Sint Maarten, auch eine Merkwürdigkeit. Eine Insel, die sich die Niederländer und Franzosen nach einigen Streitereien friedlich geteilt haben. Der französische Teil eher in den Bergen, der niederländische flacher. Der Flughafen liegt auf niederländischem Gebiet. Es gibt keine Grenzstreitigkeiten, der Übergang zwischen den Teilen ist fließend. Auch diese Landung ist ein kleines Abenteuer. Das Flugzeug umkreist auf die Insel, schwebt dann immer tiefer ein. Die Landebahn liegt auf einem kleinen Streifen zwischen dem Meer und einer Lagune. Sie beginnt direkt hinter einem schmalen Sandstrand, der weiß leuchtet hinter dem karibisch blauen Meer. Wenige Meter über dem Strand fliegen wir ein.

Später, am nächsten Tag, wir haben noch etwas Zeit vor unserem Flug nach Saba, sehen wir alles von unten. Wir sind am Strand, über uns schweben die Maschinen ein. Ein Schild warnt auch bildhaft vor der Gefahr der Verwirbelungen, die die Düsentriebwerke verursachen. Diese Insel wird nicht meine Insel. Sie hat wunderschöne Strände, wie uns andere Touristen immer wieder versichern, sie hat aber auch große Hotels, viele Baustellen und Casinos. Deswegen ist sie bei Amerikanern beliebt. bei Amerikanern, die ihre wenigen Urlaubstage im Schnelldurchgang verbringen. Effizient und komfortabel muss es sein. Und Casinos gehören einfach dazu. Später auch Curacao schauen wir mal in so ein Hotelkasino hinein. Draußen abends eine schmeichelnd warme Luft, der Halbmond über dem Wasser – drinnen einkalte Luft verströmende Klimaanlagen, leicht gedämpftes, buntes Licht, flackernde Spielgeräte. St. Maarten wird für mich eine Zwischenlandungsinsel.

Am nächsten Morgen ziehen wir unser Koffer zehn Minuten lang die staubige Straße entlang bis zum Flughafen. Ein Gewimmel von Farben und Stimmen. Der Flugplan ist nicht eindeutig. Unsere Maschine steht noch mit einer alten Abflugszeit auf den Monitoren. Im Internet hatte ich eine veränderte Zeit gefunden. Am Schalter wird dann eine Zeit bestätigt: weder die auf dem e-Ticket noch die im Internet gefunden. Aber es ist so egal. Wir werden schon fliegen. Und um zwölf Uhr mittags sitzen wir in der kleinen Maschine mit 14 Sitzen. Eine alte Propellermaschine, die aber zuverlässig erscheint. Noch nie soll es einen Unfall auf dem Flug nach Saba gegeben haben. Nur ein Unfall ist verzeichnet. Auf Saba stieß einmal ein Flugzeug beim Rollen mit einer Ziege zusammen. Aus der zweiten Reihe, in der wir sitzen, schauen wir den Piloten über die Schulter. Das Cockpit ist offen, interessiert schaue ich mir die Instrumente und Hebel und Pedale an. Das kenne ich aus dem Flugsimulator, mit dem ich zuvor einmal Landeversuche durchgespielt hatte. Geklappt hat es nie.

Oben an der Decke den großer Hebel für das Gas. Daneben ein kleiner provisorisch angebrachter Ventilator. Beide Piloten halten beim Start den Gashebel fest – bei der Landung später auch. Durch die Seitenfenster und das Cockpit sehen wir die Landschaft. Beim Start rasen wir auf einen Berg zu, vor dem das Flugzeug scharf nach rechts abbiegt. Über dem Meer steigen wir auf etwa 800 Meter. Wir halten Ausschau nach Saba. Und dann sehe ich durch die Cockpitscheiben im Dunst die Insel auftauchen. Vier kleine Berge. Spielzeuggroß. Und die Maschine sinkt, fliegt auf die Lavafelsen zu, schwenkt in einer Linkskurve in Richtung Landebahn. Neben uns ganz nah die Felsen, vor uns die Landebahn … 380 m lang. Reicht das? Kann das reichen? Sie sieht so klein aus. Angst kommt nicht hoch. Spannung, Aufregung. Und irgendwie ein großes Vertrauen in die Piloten und die alte Maschine.

Beide Piloten halten den Gasheben an der Decke. Die Maschine wird langsamer, setzt auf, der Hebel wird kräftig zurückgezogen, festgehalten, der Chefpilot steigt mit beiden festbeschuhten Füßen auf die beiden großen Metallbremsplatten, das Ende der Landebahn und das wunderschön blaue Meer kommen näher und näher, da schwenkt das Flugzeug langsam nach rechts zum kleinen Flughafengebäude. Grob geschätzt blieben 50 Meter Landebahn ungenutzt. Bei Regen soll die Bahn schon mal ganz genutzt werden müssen. Aber über uns strahlender Sonnenschein.

Wir steigen aus. Wärme, Licht, ein leichter Wind. Eine kleine aufmerksame Zollkontrolle mit der Frage, wo wir wohnen würden, wir müssen hinter einer Glastür warten, während wir sehen, wie das Gepäck ausgeladen wird. Nicht alle Passagiere sind ausgestiegen. Einige fliegen weiter zu einer Nachbarinsel. Fünf mal am Tag fliegt so eine Maschine mit 14 Passagieren die Insel an, von denen nur ein Teil aussteigt. Zweimal in der Woche kommt eine Fähre mit etwa 25 Personen an Bord. Kreuzfahrtschiffe haben keine Landungschance. Es lässt sich leicht ausrechnen, wie wenig Touristen die 1300 Inseleinwohner belästigen können.

Wir erhalten unser Gepäck, gehen auf den Flughafenvorplatz, werden von einem Taxifahrer angesprochen: „Sie kommt etwas später“, womit er die Taxifahrerin meint, die uns von unserer Unterkunft geschickt werden sollte. Fünf Minuten später kommt Donna die Serpentinen zum Flughafen herunter. Ein rotes Auto, das wir in den kommenden Tagen noch ein paar mal besteigen werden. Donna, eine immer gut gelaunte Frau von den Virgin Islands. Mit einer Großmutter auf Saba. Donna mit dem einzigen Pkw-Taxi auf der Insel. Donna, an deren Haus, das in einem verwilderten Garten liegt, wir noch ein paar mal vorbei kommen werden.

Wir winden uns die Straße hoch, nach jeder Kehre sehen wir unter uns den kleiner werdenden Flughfane, kommen an einigen Häusern vorbei, erreichen die Höhe, fallen wieder ab und kommen nach wenigen Minuten durch Windwardside. Schmale Straßen, immer geht es auf und ab. Dann setzt Donna uns lachend am Fuß einer langen Treppe ab. In Naturstein geschlagen. Keine Stufe gleicht der anderen. Wir wussten, dass wir zu El Momo Treppen steigen müssen. Donna lacht wieder. Einmal sei sie selbst hochgestiegen. Aber das eine Mal hätte ihr gereicht. Aber schön sei es da oben. Wir verabschieden uns von Donna, greifen unsere Koffer und beginnen den Aufstieg.

Ein Schild begrüßt uns: El Momo – Silence – Nature – Peace.



© Wilhelm Homann


Autor: Forenking Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:29 pm Titel: Ähnliche Themen





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