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Anneli Homann: Sie nennt die Wolke Sonne

 
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Willi der Wirt
Literat


Anmeldedatum: 27.04.2004
Beiträge: 2414

BeitragVerfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:31 pm    Titel: Anneli Homann: Sie nennt die Wolke Sonne Antworten mit Zitat

Sie nennt die Wolke Sonne

Tusha hat drei Geschwister.
Wenn die vier Kinder mit der Mutter in der Praxis in einem Raum sind, stelle ich alle Gegenstände, die nicht niet- und nagelfest sind, hoch oben auf die Schränke. Dennoch gelingt es den Kindern im Handumdrehen den Raum zu verwüsten. Papierhandtücher liegen auf dem Boden. Um Stethoskop, Ohrenlampe, Taschenlampe, Holzmundspatel, und Bücher wird gestritten. Ein Kind rüttelt an der Waage, dem anderen fische ich im letzten Moment eine Büroklammer aus dem Mund, ein drittes malt mit dem Filzstift die Untersuchungsliege an.

Heute kommt Tusha allein mit ihrer Mutter. Es ist ihre Vierjahresuntersuchung. Vom heilpädagogischen Kindergarten liegt ein Brief vor, ich möge bitte Ergotherapie, Krankengymnastik und Sprachtherapie verordnen. Das Mädchen sei sehr entwicklungsverzögert.
Tusha lächelt. Sie macht gut mir. Malt einen Kopf mit Augen und Beinen. Hüpft auf einem Bein, wenn ich sie an meiner Hand halte, fängt den Ball und wirft ihn mir zurück. Sie kennt die Bilder auf der Sprachprüftafel fast alle und sagt mir, was sie sieht. Nur einmal vertut sie sich. Sie nennt die Wolke Sonne.
Ich schreibe eine Überweisung zum Augenarzt, weil das Mädchen beim Sehtest die kleinen Bilder nicht erkannt hat. Ich erkläre es der Mutter. Sie fragt nach der Adresse. ich erkläre, wo sie den Arzt findet. Sie fragt mehrmals. Ich wiederhole mehrmals.

Ich rufe die Erzieherin an. Ich berichte von dem zufriedenstellenden Ergebnis der Untersuchung. Ich sage, dass Tusha zu Hause in den ersten Lebensjahren wenig Anregungen bekommen hat. Dass ich mich gefreut habe über ihre Fortschritte. Dass ich abwarten möchte, wie sie sich die ersten Monate im Kindergarten entwickelt.

Nein, sagt die Heilpädagogin. Tusha ist eine typische Blenderin. Sie ahmt andere Kinder nach. Aber sie versteht nicht, was wir ihr sagen. Ich bin am Anfang auf sie reingefallen. Weil sie so viel erzählt und so fröhlich ist. Niemals wird sie eine normale Grundschule besuchen können. Vielleicht hat sie aber noch Chancen, wenn die Therapien jetzt beginnen. Ohne Verzögerung.

Ich sehe das kleine Mädchen. Blenderin. Reingefallen. Therapien sofort.
Ich sage: Geduld. Gelassenheit. Das Kind hat vier Jahre zu Hause keine Förderung gehabt. Es darf sich jetzt entwickeln. Sie sind jetzt dabei, eine Beziehung aufzubauen. Sie lernen sich kennen. Sie machen ihm jetzt viele neue Angebote. Es darf auswählen. Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Tusha darf sich Zeit lassen. Ich werde Sprachtherapie verordnen, aber nicht alle Therapien auf einmal. Ich werde sie in einigen Wochen noch einmal untersuchen und sehen, ob sie Fortschritte gemacht hat.

Ich höre Angst in der Stimme der jungen Erzieherin. Zeit verstreicht und es wird nicht genug getan. Sie ist nicht einverstanden mit einer Verzögerung der anderen Therapien. Ein Fehler, der nie mehr aufzuholen ist. Vorwurfsvoll klingt sie, als wir uns verabschieden.

Ich rufe die Jugendamtsbetreuerin der Familie an. Die Mutter gibt sich Mühe, sagt sie. Aber es sind vier Kinder. Und Tusha ist zurückhaltend. Sie fällt nicht auf zu Hause. Sie meldet sich nicht. Ihre Mutter ist ähnlich. Sie scheint oft die Dinge nicht zu verstehen, die wir besprechen. Aber wenn ich etwas oft wiederhole, dann begreift sie. Und später erzählt sie mir etwas und ich staune über ihre Gedankengänge. Wiederholung ist wichtig. Und Geduld. Ich darf keinen Druck ausüben.

Ich rufe die Kollegin vom Gesundheitsamt an, die den Kindergarten betreut.
Die Erzieherin ist jung, sagt sie. Sie möchte alles tun für die Kinder in ihrer Gruppe. Sie zieht sich jeden Schuh an. Wenn etwas nicht so klappt mir den Kindern.

Wie meinen sie das?

Sie ist jung. Sie ist wie ich vor zwanzig Jahren. Ich dachte, ich müsse es tun. Ich müsse es richtig machen für die Kinder. Alles tun, damit etwas aus ihnen wird. Nichts versäumen.

Wir sollten uns zusammenzusetzen, sage ich.
Uns gemeinsam Gedanken machen über das Mädchen Tusha.
Die Blenderin.



© Anneli Homann
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Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:31 pm    Titel: Ähnliche Themen



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