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Jörg Borgerding: Gefährliche Reime

 
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Willi der Wirt
Literat


Anmeldedatum: 27.04.2004
Beiträge: 2414

BeitragVerfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:33 pm    Titel: Jörg Borgerding: Gefährliche Reime Antworten mit Zitat

Gefährliche Reime

Jochen Diderot mähte seinen Rasen. Hin und her und her und hin schob er den munter brummenden Mäher übers Gras und köpfte hie und da auch den frechen Löwenzahn und das naseweise Gänseblümchen. Das ging schon eine ganze Weile so an diesem frühen Spätsommermorgen. Gleich nach Sonnenaufgang hatte Jochen mit dem Tagwerk begonnen, zum Leidwesen seiner Nachbarn, die ihm, dem Jochen, aber„ganz gepflegt am Arsche lecken können!“, wie er einem von ihnen auf dessen bescheidene Anfrage, ob die Mäherei nicht noch ein, zwei Stündchen Zeit gehabt hätte, zu verstehen gab.

Es war ihm egal, ob die Nachbarn ausschlafen wollten. Heute kam Elke nach Hause, seine Gattin Elke, endlich - nach langen Jahren, die sie im Frauengefängnis von Wichita gesessen hatte, wegen eines recht üblen Verbrechens, das zu schildern mir meine angeborene Schweigsamkeit verbietet.

Kurzes Zwischenspiel

„Warum ausgerechnet Wichita?“
„Weil das Verbrechen so ekelhaft war, dass kein deutsches Gefängnis die Elke aufnehmen wollte!“

Ende des kurzen Zwischenspiels

Plötzlich hörte der Mäher auf zu brummen. Dem Jochen, der ein erfahrener Rasenmähermaschinist war, wurde sofort klar, dass es dafür einen Grund geben muss, und der war schnell gefunden - Benzin war alle.„Na“, dachte Jochen, der immer schon ein Faible für lustige Wortspielereien hatte,„das ist ja kein Problem, dann fahr ich ganz bequem und ganz schnell zum Shell, hol’ ’nen Liter Super für den kleinen Puper!“

Noch ein kurzes Zwischenspiel

Es waren - nicht zuletzt - diese„lustigen“ Wortspielereien, die seiner Elke„die Krone aus dem Gebiss schlug“, wie Jochen es einmal formulierte, und sie zu dem trieb, was sie dann in Waco einsitzen ließ. Und es sind nicht wenige Leute der Meinung, sie, die Elke, hätte mildernde Umstände verdient. Und Jochen den Knast. Und zwar lebenslänglich.

Ende dieses Zwischenspiels (und ich bin mir fast sicher– da kommen noch welche!)

Jochen holte schnell sein Portemonnaie -„ist fast leer, wie ich es seh!“ - aus dem Haus, griff sich„den Benzinkanister - nix mehr drinnen, ganz leer ist der!“ und begab sich mit seinem Toyota („Lichmögun ist nichts!“) auf den Weg zur nächstgelegenen ARAL-

Schon wieder ein kurzes Zwischenspiel (als hätte ich es geahnt!)

Natürlich hatte Jochen auch auf ARAL ein„prima Wortspiel“ parat. Aber das schreib ich nicht. Denn es ist so ziemlich die größte Sauerei, die mir je zu Ohren gekommen ist.


Ende diese Zwischenspiels

Tankstelle. Doch dort sollte er niemals ankommen.

Ende des ersten Teils

Zweiter Teil

„Was soll das Ding an meinem Ohr– das kommt mir sehr gefährlich vor!“ Zu den hervorstechendsten charakterlichen Eigenschaften des Jochen Diderot– dem allgemein und von den meisten Menschen, die ihn kennen, das Vorhandensein jeglichen„Charakters“ abgesprochen wurde– gehört, dass er in keiner - in wirklich keiner!– Situation seine Freude an Reim und Wortspiel verliert.

Ein Zwischenspiel

Schon seit Jahren, genauer gesagt seit der Beerdigung seiner guten Mutter, lud niemand mehr den Jochen zu einer Beerdigung ein. Sie glauben nicht, was der damals am offenen Grab für ein dichterisches Kleinfeuerwerk entzündet hat!

Weiter im Text

Bei dem„Ding“ handelte es sich um eine Makarov Kal. 9 mm. Deren Mündung ruhte allerdings nicht– wie Jochens Reim vermuten lässt– an seinem Ohr, sondern knapp daneben, auf der Schläfe. Jochen war dermaßen perplex, als der düster dreinschauende Dunkelmann während eines Ampelstops die Tür des Toyotas aufriss, sich auf den Beifahrersitz setzte, die Tür schloss, dem Jochen„das Ding“ an die Schläfe presste und Jochen aufforderte, zu fahren - so überrascht war Jochen, dass ihm spontan kein Reim auf„Schläfe“ einfiel.„Es ist aber rot!“, sagte Jochen.„Du bist gleich tot!“, antwortete der Eindringling. Das imponierte Jochen Diderot, und er fuhr los.

Ende des zweiten Teils

Dritter Teil

Am frühen Nachmittag dieses späten Frühsommersamstages kehrte Elke Diderot heim in ihr Heim. Merkwürdigerweise rief sie, in der Tür stehend, nicht nach ihrem Gatten. Noch viel merkwürdigererweise wunderte sie sich, etwas später, nicht über den halb fertig (bzw. halb nicht fertig) gemähten Rasen. Am allermerkwürdigsten allerdings könnte man es empfinden, dass Elke sich, unmittelbar nachdem sie die Kaffeemaschine angeschmissen hatte,

Eine Anmerkung des Autors

Natürlich weiß ich, dass„die Kaffeemaschine anschmeißen“ nicht gerade das Deutsch von Goethe und Schiller, sondern eher das von Helge Schneider ist. Aber mal ehrlich– hätten Sie an dieser Stelle der Geschichte, gerade jetzt– wo die„Luft vor Spannung knistert“, wie ein schlechter Autor schreiben würde, der ich nicht bin, und es deshalb nicht schreibe– hätten Sie jetzt Bock, eine detaillierte Beschreibung der Befüllung einer Kaffeemaschine vom Typ Siemens TC60201 mit einem Liter Wasser sowie 8 gehäuften Kaffeelöffeln mit Kaffeepulver der Marke„Tchibo Sana“ und der anschließenden Inbetriebnahme des Gerätes durch Drücken des Netzschalters zu lesen? Na also!

Ende der Anmerkung des Autors

und das Haus verließ um sich den Garten anzuschauen - ihren Garten, den sie so sehr wie sonst nichts vermisst hatte in den Tausenden einsamen Tagen und Nächten im Frauengefängnis von Wisconsin– den alten Motormäher auf dem halb gemähten (bzw. halb nicht gemähten) Rasen vorfand und sich nicht wunderte, sondern stattdessen wieder zurück ins Haus ging, eine Tasse frisch gebrühten Kaffee einschenkte, sich damit ins eheliche Schlafgemach begab, dort alle Kleidungsstücke ihres Gatten aus dem großen Kirschholzkleiderschrank

Noch eine Anmerkung. Des Autors.

Es sind die Erwähnungen von– dem Leser zunächst eher nichtig anmutenden– Details, die den guten Autor ausmachen. Ein schlechterer Autor hätte einfach „Kleiderschrank“ geschrieben und den Leser um das Glücksmoment gebracht, festzustellen, es hier mit einem außergewöhnlich guten - weil detailreichen - Text eines außergewöhnlich guten Autors zu tun zu haben.

Ende dieser Anmerkung

entnahm, und diese geradezu lieblos in zuvor aus einem Küchenunterschrank entnommene blaue Müllsäcke stopfte.
Jene Säcke werden, wenn diese Geschichte zuende erzählt ist, längst im Altkleidercontainer des DRK entsorgt worden sein. All die anderen Gegenstände, die Elke an ihren - wir ahnen es schon!– künftigen Exgatten erinnerten, würde sie bald zur nahegelegenen Müllannahmestelle bringen - u.a. z.B. Jochens Kronkorkensammlung und seine„Bibliothek“, die aus einem guten Dutzend, auf Flohmärkten erstandenen aber nie gelesenen, Readers-Digest-Ausgaben und einigen Reprints früher Micky-Maus-Hefte bestand.

In etwa einem Jahr wird sie„den reimenden Nervtöter“, wie sie ihren Ex künftig und wenn es sich nicht verhindern lässt, über ihn zu sprechen, bezeichnen wird, als tot erklären lassen und bald darauf ihren Jugendfreund Bodo Schwichelt ehelichen, in den sie schon seit Schulzeiten verliebt war, und er auch in sie, die sich aber nie kriegen konnten aus Gründen, die zu erzählen jetzt zu weit führte, und der sich nicht im Geringsten daran stört, dass„seine Elke“, wie er sie immer nennen wird, vermutlich bis der Tod sie scheidet - dass seine Elke Jahre ihres Lebens im Gefängnis von Winston verbracht hat.

Und Jochen? Jochen wird dann bereits und immer noch nicht wissend - nicht einmal ahnend!, was für finstere Pläne seine Elke in den schon erwähnten einsamen und immer gleich verlaufenden Tagen und Nächten im Staatsgefängnis von Wyoming schmiedete, Pläne, deren Umsetzung in die Tat– wenn man es genau nimmt– einen gerechten Ausgleich für Elkes erlittenen Tort, der– ich erwähnte es anfangs– direkt zu tun hatte mit Jochens nervtötenden Wortspielereien, darstellten - Jochen wird dann schon vor gut einem Jahr in einem einsamen afghanischen Bergdorf einen alten Esel, der über zwanzig Jahre lang täglich mehrere hundert Mal - von gelegentlichen Stockhieben ermuntert - den einzigen Brunnen jenes Dorfes umrundet hatte, eine Holzstange, die Teil einer einfachen Mechanik zum Wasserpumpen war, im Nacken, abgelöst haben.

Und Jochen, der nie erfahren wird, warum das Schicksal ihn an das verlängerte Rückgrat der Welt gespült hat, wird während seiner endlosen Rundgänge und zwischen den aufmunternden Stockhieben viel Zeit und Muße für Reime und Wortspielereien („Es quietschen die Ketten– man sollte sie fetten!“) haben.


© Jörg Borgerding
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Verfasst am: Sa Okt 04, 2008 6:33 pm    Titel: Ähnliche Themen



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