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Autor: Willi der Wirt Verfasst am: Mo März 30, 2009 9:50 pm Titel: Sven Köther: Der Offizier weint
Der Offizier weint

Der Offizier steht im Maisfeld und weint.
„Er wächst nicht gut“, sagt er. „Nichts wächst gut. Aber wie soll es auch?“

Der Offizier schaut auf seine Hände. Ihre Haut ist schwarz wie ein Gewitterhimmel, übersät mit Blitzen schmaler Narben.
„Wie können diese Hände etwas zum Leben erwecken, wenn sie schon getötet haben?“
Langsam geht er durch das Feld und berührt vorsichtig die ein oder andere Pflanze.
„Es gibt Leute, die sagen, der Teufel sei hier in der Erde. Das glaube ich nicht. Der einzige Teufel hier bin ich und der Wind, der den Regen verscheucht. Die Erde ist gut, sie ist immer gut. Gott wohnt in dieser Erde. Schau dir die Felder dort drüben an. Dort ist der Mais grün und hoch, dort fällt Regen. Hier aber teufeln der Wind und ich und trampeln Gott auf dem Gesicht herum.“

Der Offizier geht zu seinem Haus. Die Wände sind aus Lehm, das Dach aus Eukalyptusholz. An der Nordseite stehen einige Ställe für Hühner und Meerschweinchen, zusammengezimmert aus alten Brettern und Eisenbahnschwellen.

„Ich habe hier alles selbst gebaut“, sagt der Offizier. „Mit viel Mühe und Geduld, und doch sieht es alt aus und krumm. Das Dach ist undicht und die Ställe nicht sehr stabil. Manchmal, wenn ich aus dem Dorf komme, dann haben die Hühner die Tür aufgestoßen und sind entwischt, sodass ich sie wieder einfangen muss. Weit gehen sie nicht, meist nur in den Mais. Eines aber holt sich immer der Hund. Danach verschwindet er für ein paar Tage. Wenn er wiederkommt, weiß ich, es dauert nicht mehr lange und der Stall wird erneut auseinanderfallen. Das Tier spürt genau, dass die Dinge, die ich tue, keinen Bestand haben.“

In dem Haus steht ein Bett, ein kleiner Tisch und zwei Plastikstühle. Neben dem Bett liegt ein Buch auf dem Boden.
„Die Bibel“, sagt der Offizier und hebt das Buch auf. „Jeden Abend lese ich darin. Es tut mir nicht wirklich gut, aber was soll ich tun? Irgendwann wird es vielleicht doch helfen. Meine Lieblingsstelle ist diese: Ihr seid das Salz der Erde...“
Er holt seine Geldbörse aus der Hosentasche, öffnet sie und zieht ein Bild heraus. „Meine Frau und meine Söhne. Sie leben in der Hauptstadt. Meine Frau wollte nicht hierher, obwohl ich sie oft darum angefleht habe. Auf dem Land, sagt sie, in diesem kleinen Haus – nein, da könne sie unmöglich leben. So abgeschieden. Und dann die Tiere. Die Hühner stinken, meint sie. Also lebt sie in der Stadt und ich gebe ihr alles Geld, meine ganze Pension. Ich brauche ja fast nichts. Die Kinder gehen in eine gute Schule. Meine Frau arbeitet Vormittags in einer der Einkaufszentren. Einmal im Monat besuchen sie mich. Nie lange, denn bald müssen sie schon wieder zum Bus. Die Fahrt dauert über vier Stunden. Hier übernachten möchte meine Frau nicht. Und auch die Jungs zieht es schnell wieder in die Stadt. Ich glaube, sie halten ihren Vater für verrückt.“

Der Offizier weint.

„Mit siebzehn bin ich Soldat geworden und war es fast dreißig Jahre lang. Zwei Kriege habe ich gekämpft und beide gingen verloren, weil wir verraten wurden. Von der Regierung. Die haben unsere Munition an den Feind verkauft. Erschossen wurden wir von den eigenen Kugeln. Dabei waren wir immer überlegen. Es gab Indios in unserer Kompanie, die kannten den Dschungel. Auf der anderen Seite kämpften junge Kerle aus den Bergen oder der Stadt. Die sind oftmals schon vor Angst gestorben. Der Dschungel ist eine ewige grüne Nacht, die jeden verschluckt, der sich nicht wie in einem bekannten Traum darin bewegt. Aber wir hatten keine Munition. Wir bauten Fallen und haben den Feind mit unseren Messern umgebracht. Am Ende waren es die fehlenden Kugeln, die alles entschieden. Schließlich wurde Frieden gemacht und der Feind bekam die Hälfte des Landes. Ist doch nur Urwald, sagten die von der Regierung. Aber das war es vorher doch auch, als wir noch kämpften. Dort gibt es Öl, hatten sie uns zu Beginn des Krieges erzählt, und Gold und viele andere Schätze, die dem Land eine große Zukunft bescheren werden. Ihr kämpft für den Wohlstand eurer Kinder und Enkel. Und dann haben sie diesen Wohlstand hergegeben, nachdem sie ihren eigenen gesichert hatten, durch den Verkauf unserer Munition. Der einzige Trost ist, dass der Feind mit dem riesigen Stück Dschungel nichts anzufangen weiß. Die Schätze sind noch immer dort und auch das Öl. Weil keiner eine Ahnung hat, wie man es dort herausholen soll. Und bei den Schätzen liegen ihre und unsere Toten...“

Aus einem alten Getreidesack nimmt der Offizier eine Handvoll Körner und wirft sie in den Hühnerstall.
„Mitunter waren wir so hungrig, dass wir uns auf die Friedhöfe schlichen und den Reis aßen, den Trauernde auf die Gräber gestellt hatten. Hinterher bekamen wir ein schlechtes Gewissen. Ich frage mich, was schlimmer ist. Die Toten zu bestehlen oder jemanden zu ihnen zu schicken. Beides macht einem zum Teufel und die Erde, die man betritt, ist verflucht. Dabei wollte ich schon als Kind einen Bauernhof. Ein Maisfeld, ein Beet für Gemüse, Fruchtbäume. Tiere, viele Tiere. Hühner, Ziegen, ein Pferd. Meerschweinchen. Wissen Sie, wie die alten Frauen hier die Meerschweinchen töten?“
Der Offizier geht zu einem Stall, öffnet die Tür und holt ein Tier heraus, das er am Genick festhält.
„Sie drücken den Kopf einfach auf den Boden, bis er zerquetscht ist. So...“

Der Offizier brät das Fleisch in einer Blechpfanne, die auf einem kleinen Gaskocher steht.
„Töten ist leicht“, sagt er, „aber getötet haben nicht. Jetzt habe ich keinen Hunger mehr. Als das Tier in meiner Hand zappelte, hatte ich großen Hunger. Nun ist er weg. Das Töten hat uns die Kraft geraubt, so wie das Verratenwerden. Eigentlich hätte ich noch fünf weitere Jahre dienen können, dann wäre meine Pension viel besser ausgefallen. Aber ich wollte nicht mehr. Keine Kraft mehr zu befehlen oder befohlen zu werden. Keine Kraft mehr für Gott, keine mehr für die Familie. Also bin ich gegangen, habe dieses Stück Land gekauft und ein ganzes Jahr lang hier in einem Zelt gewohnt. Dann fing ich an zu bauen. Zu spät. Der Boden war schon zum Schweigen gebracht. Gott straft mich durch Misslingen. Das ist gerecht. Wenn ich Abends in der Bibel lese, dann denke ich, es ist gerecht. Auch, dass meine Familie nicht zu mir kommen möchte. Als Krieg war, da wusste meine Frau oftmals Monate nicht, ob ich noch lebe. Trotzdem war sie mir treu und hat sich immer um alles gekümmert, die Wohnung, die Kinder, unsere Eltern. Und jetzt, wo es keinen Grund mehr gibt Angst zu haben, da möchte sie nicht zu mir. Es ist eine Strafe, so wie das ganze Leben entweder Strafe oder Belohnung ist. Es würde auch nichts ändern, wenn ich zu ihr in die Stadt ginge. Also bleibe ich hier und warte ab. Säe, auch wenn nichts wächst; baue, auch wenn es nicht hält; bete, auch wenn Gott schweigt. Was soll ich sonst tun?“

Der Offizier weint und liest:
„Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wie wird seine Salzkraft wiederhergestellt werden? Es taugt zu nichts weiter, als hinausgeworfen und zertreten zu werden.“


© Sven Köther


Autor: Agnes Verfasst am: Sa Apr 11, 2009 10:17 pm Titel:
aber wie soll es auch

ist so eine von den Anmerkungen in diesem Text.
oder

Töten ist leicht, aber getötet haben nicht.

oder

Keine Kraft mehr zu befehlen oder befohlen zu werden.
Keine Kraft mehr für Gott, keine mehr für die Familie.

oder

Gott straft mich durch Misslingen. Das ist gerecht.

oder

wie das ganze Leben entweder Strafe oder Belohnung ist.

oder das Zitat

Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wie wird seine Salzkraft wiederhergestellt werden? Es taugt zu nichts weiter, als hinausgeworfen und zertreten zu werden

Ich lese. Ich fühle mein inneres Ja. Er hat recht.
Lese weiter.

Ein Mann, der nur durch seinen Beruf charakterisiert wird, betrachtet sich, konstatiert. Ist Zeuge seines Lebens. Stellt Unabänderbarkeiten fest.
Beschreibt sein Bild der Welt.

Ist es so? Frage ich mich erst beim wiederholten Lesen. Und stelle fest. Geschildert wird eine Wahrheit. Die Wahrheit dieses Namenlosen. Seine einsame Wirklichkeit.
Die Sicht des Danach, nach dem Dabei.
Seine Wahrheiten sind in sich schlüssig. Ich bin geneigt, mich dem anzuschließen. Die Erwartungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit des Soldaten zu teilen.
Misslingen und Kraftlosigkeit als gerecht anzusehen. Seine Urteile und Selbstverurteilungen zu akzeptieren.

Und stutze erst, als ich das alte bekannte Bibelwort lese über das Salz der Erde. Die Macht des Buches. Die Macht der Prophezeiung.
Es geht um Macht. Von Anfang an in dieser Geschichte. Um Befehl und gehorchen. Um Belohnung und Strafe. Wobei hier nur die Strafe geschildert wird. Belohnung ist ein Wort, geschieht aber nicht.

Der Mensch tötet oder wird getötet. Nicht ein Mensch. Alle Menschen. Die alten Frauen ebenso wie die jungen Soldaten. Was gibt es noch in diesem Leben? Verrat.
Und es gibt eine Frau, die bleibt, in der Zeit des Dabei, die aber geht in der Zeit danach. In der Zeit der Kraftlosigkeit und Unfruchtbarkeit.

Aber wie soll es auch…
Die Geschichte eines Einsamen, der konstatiert, sich in sein Schicksal zu ergeben. Der sich selbst straft, indem er sich die Möglichkeit der Wahl nimmt. Sich ergibt.
Er nimmt sich die Möglichkeit zur Entwicklung. Er tut es. Indem er das Wort für bare Münze nimmt.

Die Geschichte ist glaubwürdig. Schmerzvoll. Traurig. Trost-los.
Es geht um Macht und Ohnmacht.
Es geht um das Wort, das Menschen Gott in den Mund legten. Und die verhängnisvolle Kraft der Schrift, die Strafe verspricht statt Gnade.


Anneli


Autor: Sam Verfasst am: Fr Mai 01, 2009 6:43 am Titel:
Hallo Anneli,

vielen Dank!

Es ist sehr interessant deine Gedankengänge zu verfolgen und zu lesen, wohin dich die Lektüre des Textes führt. Und selber die Geschichte wiederlesend kann ich dir folgen. Es ist stellenweise ein anderer Weg als der, den ich beim Schreiben gegangen bin, aber Lesen ist ja immer ein Aneignen. Und es gefällt mir sehr, auf welche Art du ihn dir angeeignet hast.

Liebe Grüße

Sven


Autor: Forenking Verfasst am: Fr Mai 01, 2009 6:43 am Titel: Ähnliche Themen





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